Vlad Komarov

Volkswagen öffnet plötzlich die Tür zu einer völlig anderen Amerika-Strategie

Rahmen-SUVs, Pick-ups und mehr Vollhybride rücken in den Fokus. Für Volkswagen ist das eine klare Abkehr vom bisherigen US-Kurs.

Tarantas News zu Ihren bevorzugten Google-Quellen hinzufügen

Noch vor Kurzem deutete Volkswagen an, dass ein künftiger Pick-up für Amerika vielleicht ganz ohne Leiterrahmen auskommen könnte. Jetzt dreht sich das Bild: Erstmals führt die Marke offiziell rahmenbasierte SUVs und Pick-ups als mögliche Entwicklungsrichtung für Nordamerika auf. Das ist ein deutlicher Kurswechsel. Im Frühjahr 2025 erklärte der damalige Volkswagen-Chef in den USA, Kjell Gruner, ein möglicher Elektro-Pick-up müsse nicht zwingend auf einer Rahmenkonstruktion basieren. Nun steht Body-on-Frame ausdrücklich in der offiziellen Strategie.

Am 3. September teilte Volkswagen mit, dass das Modellprogramm unter dem neuen Nordamerika-Verantwortlichen Marco Schubert deutlich stärker auf die lokale Nachfrage zugeschnitten werden soll. Dabei geht es nicht nur um eine breitere Palette klassischer HEV-Hybride. Das Unternehmen will auch Chancen bei rahmenbasierten Fahrzeugen prüfen, darunter „robust SUVs“ und Pick-ups. Schubert übernimmt zum 1. Oktober 2026 die übergreifende Verantwortung für die Strategie der Region.

Auf ein neues Serienmodell sollte man trotzdem noch nicht warten. Volkswagen nennt weder Plattform noch Abmessungen, Antriebe, Werk oder Marktstart. Reuters verweist zudem auf eine ungewöhnliche Formulierung in der offiziellen Mitteilung — „body-on-frame B-segment“. Üblicherweise steht das B-Segment für kleine Fahrzeuge, doch Volkswagen wollte nicht präzisieren, wie groß mögliche künftige SUVs oder Pick-ups tatsächlich werden könnten. Die Sache wird damit eher rätselhafter.

Eine passende Rahmenarchitektur müsste der Volkswagen Konzern allerdings nicht weit suchen. Die Konzerntochter Scout Motors entwickelt den SUV Traveler und den Pick-up Terra auf einer neuen Body-on-Frame-Plattform. Der Traveler soll zuerst in Produktion gehen, während die ersten Auslieferungen der Harvester-Version mit Benzin-Range-Extender für 2028 erwartet werden. Scout betont selbst, dass beide Fahrzeuge von Anfang an als Body-on-Frame-Modelle entwickelt wurden.

Heißt das, Volkswagen nimmt einfach die Scout-Plattform und setzt eine eigene Karosserie darauf? Noch nicht. Der Konzern hat eine solche Verbindung nie bestätigt. Die Nutzung der Scout-Architektur bleibt deshalb lediglich eines von mehreren technisch denkbaren Szenarien.

Allein dass rahmenbasierte SUVs und Pick-ups nun in der offiziellen Strategie auftauchen, sagt jedoch viel aus. Volkswagen richtet seine Produktpolitik in Nordamerika immer konsequenter auf den lokalen Markt aus — und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Zahlen alles andere als glänzen. Im ersten Quartal 2026 lag der Marktanteil des Volkswagen Konzerns in der Region bei 4,3 %, während die Auslieferungen um 12,7 % sanken. Gleichzeitig wurde die US-Produktion des ID.4 bereits beendet; die damit verbundenen Kosten erreichten im ersten Halbjahr rund €0,5 Mrd. Volkswagens nächster Versuch, Amerika zu erobern, könnte also völlig anders aussehen.

B. Naumkin