Scania packt Batterien hinter die Kabine und knackt 720 Kilometer
Scania bringt Zusatzbatterien hinter dem Fahrerhaus unter und steigert die Reichweite auf 720 km. Jetzt rückt die MCS-Ladezeit in den Mittelpunkt.
Scania verschiebt gerade die Messlatte für elektrische Fernverkehrs-Lkw: Der neue Batterie-Sattelzug soll bis zu 720 km ohne Nachladen schaffen. Zum Vergleich nennt die globale Seite der Marke für elektrische Lkw derzeit maximal 560 km. Das sind bis zu 160 km mehr oder fast 29 %. Doch die spannendste Geschichte steckt nicht in der Zahl. Für diesen Sprung platziert Scania zusätzliche Akkus dort, wo man sie kaum erwartet — direkt hinter dem Fahrerhaus.
In der typischen Konfiguration sitzen dort zwei MP20-Pakete mit zusammen rund 356 kWh installierter Kapazität. Sie arbeiten mit den Batterien unter dem Fahrerhaus und am Fahrgestell zusammen. Einen entscheidenden Wert hält Scania jedoch zurück: Die Gesamtkapazität des kompletten 720-km-Systems wird nicht genannt. Deshalb wäre es falsch, die 356 kWh einfach zu den Daten früherer Versionen zu addieren.
Warum überhaupt eine Batterie-Wand hinter dem Fahrerhaus? Die Antwort ist pragmatisch: Der Lkw soll für echte europäische Logistik taugen und nicht nur eine spektakuläre Reichweitenzahl liefern. Die 6x2*4-Version bleibt mit Standard-Sattelaufliegern kompatibel, selbst wenn der gesamte Zug länger als 16,5 Meter ist. Zugleich soll die neue IVD-Front die Effizienz verbessern: Scania verspricht je nach Konfiguration und Einsatzbedingungen bis zu 3 % weniger Energieverbrauch.
Doch 720 km sind nur die halbe Gleichung. Die andere Hälfte heißt Laden. Die neue Konfiguration ist für MCS vorgesehen, doch konkrete Ladeleistung und Ladezeit des 720-km-Lkw nennt Scania bislang nicht. Damit bleibt die entscheidende Frage im Fernverkehr offen: Wie lange steht das Fahrzeug tatsächlich an der Ladesäule?
Entspannen kann sich Scania ohnehin nicht. Beim bisherigen MAN eTGX standen bis zu 570 km Reichweite im Datenblatt, während die neue 6x2-Version für die IAA Transportation nun ebenfalls 720 km verspricht. Zwei Hersteller greifen damit nahezu gleichzeitig dieselbe psychologisch wichtige Marke an. Die Zahl ist gleich, der technische Weg dorthin nicht.
Mercedes-Benz geht wiederum anders vor. Der eActros 600 Lowliner mit drei Batteriepaketen ist für rund 500 km ohne Zwischenladen ausgelegt, MCS-Megawattladen soll für den Lowliner später hinzukommen. Genau deshalb wirkt Scanias Konzept so interessant: bis zu 720 km Reichweite, Kompatibilität mit einem Standard-Sattelauflieger und eine Batterieauslegung, die sich an die konkrete Route anpassen lässt. Im elektrischen Fernverkehr geht es längst nicht mehr nur darum, ob die Strecke machbar ist, sondern wer dabei die wenigsten Kompromisse verlangt.