Noch im Juni sah Cherys Großbritannien-Geschichte wie eine simple Verhandlung um eine freie Produktionslinie bei Nissan aus. Nicht mehr. Im Spätherbst 2026 eröffnet Chery ein eigenes F&E-Zentrum im UTAC Millbrook in Bedfordshire – und das ist keine Formalität. Zuerst geht es um die Abstimmung der Fahrzeuge auf britische Straßen, später um autonomes Fahren und künstliche Intelligenz.
Gary Lan, CEO von Chery International UK, nannte die neue Einrichtung „den nächsten Schritt in unserem langfristigen Plan für Großbritannien“. Er fügte einen Satz hinzu, der zwei Jahrzehnte Ungeduld trägt: „Wir haben mehr als 20 Jahre auf den richtigen Moment für den Eintritt in diesen Markt gewartet, und unsere Ambitionen gingen immer weit über den bloßen Import von Autos hierher hinaus.“
Hinter diesen Worten steckt eine sehr reale Zahl. Im Juli sicherten sich Chery, Omoda und Jaecoo zusammen fast 8 % des britischen Marktes – gegen etwa 3 % ein Jahr zuvor. Dieses Wachstum kam nicht von allein: Das Entwicklungszentrum ist keine Imagepflege, sondern erlaubt es, Fahrzeuge auf konkrete Straßen und Marktanforderungen zu kalibrieren, bevor man sich auf eine Großserienproduktion einlässt.
Der Produktionsteil der Geschichte hängt allerdings weiterhin in der Schwebe. Am 3. Juni unterzeichneten Nissan und Chery International UK ein unverbindliches Memorandum, um die Auftragsfertigung von Chery-Fahrzeugen im Werk Sunderland zu prüfen. Nissan spricht lediglich von der Möglichkeit, die Produktion auf Line One im Geschäftsjahr 2027 zu starten – die Gespräche laufen, und die Behauptung, Cherys britische Fertigung sei bereits beschlossene Sache, wäre verfrüht.
Genau hier verändert das neue F&E-Zentrum die Geschichte. Vor zwei Monaten suchte Chery noch nach einem Produktionsstandort, jetzt baut das Unternehmen im Land eine eigene Ingenieursinfrastruktur auf. Sollte das Nissan-Memorandum in einen Vertrag münden, rücken Entwicklung und Produktabstimmung näher an die künftige Fertigung heran als beim üblichen Modell, fertige Fahrzeuge aus China zu exportieren, meint Tarantas News.
Der nächste Prüfpunkt ist nicht die Eröffnung des Büros in Bedfordshire, sondern die Überführung des Nissan-Chery-Memorandums in eine verbindliche Fertigungsvereinbarung – mit genannten Modellen, Produktionsvolumen und einem festen Startdatum für Line One. Diese Angaben haben die Unternehmen bislang nicht offengelegt.