Gebrauchte Pickups werden selten zu Sammlerstücken der Luxusklasse. Dieser hier schon. In den USA wird ein EarthRoamer XV-SX aus dem Jahr 2023 für 1,1 Millionen Dollar angeboten. Das Fahrzeug basiert auf dem Chassis des Chevrolet Silverado 6500HD und hat in seinem gesamten Leben gerade einmal 13.244 km zurückgelegt. Damit kostet jeder Kilometer auf dem Tacho mehr als ein nagelneuer Mercedes-Benz GLE.
EarthRoamer besetzt seit Jahren eine eigene Nische — irgendwo zwischen schweren Pickups, Expeditionsfahrzeugen und absoluten Top-Wohnmobilen. Der XV-SX ist nicht für Campingplätze am Asphaltrand gebaut. Ganz und gar nicht. Diese Maschine ist für weite Reisen dorthin gedacht, wo ein gewöhnliches Wohnmobil schon nach den ersten fünfhundert Metern Schotter aufgibt. Und im Inneren verlangt sie vom Besitzer keinen einzigen Komfortverzicht.
Dieses konkrete Exemplar bekam den Grundriss Mount Princeton und die Möbelausstattung Woodland Timber Oak. Im Wohnmodul gibt es einen Induktionskochfeld mit zwei Platten, eigene Geschirrfächer, eine Keurig-Kaffeemaschine, einen Waschtrockner sowie ein vollwertiges Bad mit Toilette und Duschkabine. Der Schlafbereich befindet sich oben und ist über eine kurze Leiter erreichbar.
Von außen ist es immer noch ein riesiger, schwerer Chevrolet. Aber der Einsatzzweck ist ein völlig anderer. Das Fahrzeug trägt eine vordere und eine hintere Warn-Seilwinde, ein Ablagesystem am Heckstößfanger, ein ausziehbares Regal im Garagenbereich und einen außen montierten Propangrill. Fernab der Zivilisation sind solche Details wichtiger als jede dekorative Verkleidung — sie holen einen aus der Klemme, sichern die Ausrüstung und ermöglichen wochenlange Autonomie.
Hinzu kommt die Technik für Überwachung und Sicherheit. Zur Ausstattung gehören eine FLIR-Wärmebildkamera, eine Frontkamera und ein GOST-Alarmsystem. Für ein Fahrzeug, das so viel kostet wie mehrere Häuser, ist das kein Luxus mehr — das ist eine Möglichkeit, das Risiko an einem wilden Stellplatz oder auf einer schwierigen Route wenigstens etwas zu senken. Und doch wirkt der Preis fast absurd. Für 1,1 Millionen Dollar bekommt man mehrere nagelneue schwere Pickups, einen teuren Sportwagen und hat noch Geld für eine Weltreise übrig. Aber der Markt für Spitzen-Overlanding-Fahrzeuge folgt längst seinen eigenen Regeln: Der Kunde zahlt nicht für Chassis und Möbel. Er zahlt für eine fertige autonome Plattform — eine, die er nicht jahrelang in seiner eigenen Garage Zeichnung für Zeichnung zusammenbauen muss.
Die Schwachstelle des Angebots ist der Status als Gebrauchtfahrzeug. Die Laufleistung ist gering, aber das ist trotzdem kein Neuwagen. Es ist Expeditionstechnik, die hart abseits des Asphalts gefordert worden sein kann. Deshalb muss der Käufer nicht nur auf die Ausstattungsliste schauen, sondern auch den Zustand von Chassis, Federung, Wohnmodul, Elektrik und Wasserspeicher prüfen. Ein übersehener Defekt — und aus Autonomie wird mitten in der Wüste eine Katastrophe.
Der EarthRoamer XV-SX ist nicht einfach nur ein teurer Camper. Und auch nicht nur ein Pickup mit Wohnaufbau. Er ist der Versuch, ein mobiles Zuhause, einen Geländewagen und wochenlange Autonomie in einer einzigen Hülle zu kaufen. Bleibt nur eine Frage. Wer ist bereit, den Preis einer kleinen Autosammlung gegen einen einzigen sehr großen Chevrolet einzutauschen?