Fast 2,98 Millionen Teslas landen in China in einer Rückrufaktion, weil Türen bei einem Unfall blockieren können. Europa denkt nicht daran, das nachzumachen. Die niederländische Behörde RDW, zuständig für die europäische Typgenehmigung von Tesla, sagte Reuters unmissverständlich: Eine aktive Rückrufaktion gibt es in Europa nicht, auch wenn die Behörde das Thema weiter im Blick behält.
Hier liegt der Haken. Die Aussage der RDW ist kein Freibrief für jeden versenkten Griff. Die Behörde verlangt, dass sich eine Tür bei ausgefallener Elektrik „intuitiv und ohne Werkzeug“ öffnen lässt — von innen wie von außen. Versenkte oder ausfahrbare Griffe sind für die RDW nicht automatisch ein Problem. Die Frage des Notzugangs wird bereits auf Ebene der UN-Regelungen und bei Euro NCAP diskutiert.
Und hier liegt ein wesentlicher Unterschied zu dem, wie diese Geschichte meist erzählt wird. Bei der chinesischen Kampagne, die inzwischen 4.275.743 Fahrzeuge erfasst, richtet sich der Vorwurf gegen Tesla vor allem an den mechanischen Notentriegelungshebel im Innenraum: Seine Farbe ähnelt der Innenausstattung zu sehr, sodass er nach einem schweren Unfall schwer schnell zu finden ist.
Und all diese Fahrzeuge müssen deshalb nicht zwingend in die Werkstatt. Chinas Marktaufsicht SAMR nennt zwei zentrale Maßnahmen: eine auffälligere Kennzeichnung des Notgriffs und ein Over-the-Air-Update, das den Ablauf des Fensterabsenkens nach einem Aufprall ändert. Die Tesla-Kampagne startet am 25. September 2026.
Eine weitere Klarstellung betrifft das kommende chinesische Verbot. Der Standard GB 48001-2026 tritt tatsächlich am 1. Januar 2027 in Kraft, allerdings gestaffelt. Neue Fahrzeugtypen müssen ab diesem Datum den Großteil der Anforderungen erfüllen, vollständig gilt das ab dem 1. Januar 2028, und bereits zertifizierte Modelle erhalten Zeit bis zum 1. Januar 2029. Von einem sofortigen Verbot aller heutigen Autos mit solchen Griffen ab dem ersten Tag 2027 zu sprechen, wäre also zu grob vereinfacht.
Die Rolle der RDW bei Tesla reicht längst über die Niederlande hinaus: Dieselbe Behörde war auch am europäischen Zulassungsprozess für FSD Supervised beteiligt. Bei den Türgriffen gilt eine ähnliche Logik — kein Rückruf am 26. August bedeutet nur, dass es derzeit keine verpflichtende Kampagne gibt. Nicht mehr und nicht weniger. Die RDW hat nie erklärt, das Thema sei endgültig vom Tisch.
Der nächste Wendepunkt wird kein chinesischer Rückruf sein, sondern eine Entscheidung der europäischen Regulierer: Bleibt es beim jetzigen Ansatz, den Notzugang im Einzelfall zu bewerten, oder folgt Europa China am Ende doch mit eigenen, strengeren Vorgaben für die Türkonstruktion?