Ein Milliarden-Werk gestoppt von Fracht, die den Hafen nie verlassen hat

Ein Milliarden-Werk gestoppt von Fracht, die den Hafen nie verlassen hat
A. Krivonosov
Autor: Dmitry Yakin

Engpass im Hafen von Tanger legt die Logistik lahm, Kabellieferant fällt aus — und die Uhr zum VLE-Start am 12. Juni tickt.

Im Mercedes-Benz-Werk in Vitoria steht das Band schon wieder still. Und schon wieder nicht aus eigener Schuld. Am vergangenen Freitag musste die Werksleitung die Spätschicht absagen — es fehlten schlicht Teile, um Fahrzeuge zu bauen. Die Ursache des Problems lag weit jenseits der Werkstore: Die Logistik hat versagt. Den Mitarbeitern wurde unverblümt mitgeteilt — die Produktion wird wegen einer Störung in der Lieferkette pausiert, und das Werk hat keinerlei Einfluss darauf.

Gleich drei Schlüsselbereiche traf es auf einmal: Karosseriebau, Endmontage und Lackiererei. Der Grund — ein neuer Engpass im Hafen von Tanger. Laut Mercedes-Benz lähmte er den Seeverkehr in der Straße von Gibraltar und brachte die gesamte Logistikkette zum Einsturz. Am härtesten traf es den Kabellieferanten.

In der Werksmitteilung nannte Werkleiter Bernd Krottmayer keine Namen direkt, doch die Anspielung war eindeutig: Es ging um Kromberg & Schubert, einen der zentralen Bordnetz-Lieferanten. Der Stillstand betraf nahezu die gesamte Belegschaft und die Subunternehmer. Ausnahmen gab es nur für Aufgaben im VAN.EA-Projekt und Arbeiten, die schlicht keinen Aufschub duldeten. Und das ist keine Kleinigkeit: Mercedes bringt das Werk auf den nächsten technologischen Sprung — jede Pause schmerzt jetzt besonders. Für Vitoria ist es nicht der erste Schlag in jüngster Zeit.

Schon im Februar stand das Werk wegen Lieferproblemen still. Auslöser war damals das schlechte Wetter in der Straße von Gibraltar während des Wintersturms Leonardo. Lieferungen von gleich drei Unternehmen waren betroffen: Kromberg & Schubert, Forvia und Lear. Das erste liefert Kabelbäume, die anderen beiden — Sitze für die Transporter.

Zwei Tage nach jenem Stillstand folgte der nächste Zwischenfall — diesmal ein IT-Ausfall in der Mercedes-Benz-Zentrale in Stuttgart, rund 1430 km vom spanischen Werk entfernt. Für Vitoria eine unangenehme Lektion: Eine moderne Fabrik läuft nicht nur dank Maschinen und Menschen in der Halle. Sie hängt an Häfen, Servern, Zulieferern und Routen durch mehrere Länder. Ein einziger Ausfall irgendwo — und alles steht.

Die Lage wirkt umso brenzliger, weil der Serienanlauf für den 12. Juni geplant ist. Laut spanischer Presse soll das Ereignis groß gefeiert werden — mit Thomas Klein, dem Leiter der weltweiten Mercedes-Benz Vans, vor Ort. Und je näher der Termin rückt, desto teurer wird jede verlorene Stunde.

Das Werk steckt in einer hochkomplexen Kette, in der eine einzige Verspätung bei Bordnetz oder Sitzen die Montage eines ganzen Fahrzeugs stoppt. Die Autoindustrie spricht gern von Robotern, Plattformen und Elektrifizierung. Doch manchmal legt nicht die Technologie der Zukunft einen Milliardenbetrieb still. Sondern ganz gewöhnliche Fracht, die nicht rechtzeitig den Hafen verließ.

Aktuelle Beiträge